Ungelöstes Rätsel Diabetes

Anhand der ausgefüllten Fragebögen können die Wissenschaftler nachvollziehen, wie die Kinder leben und welche Auswirkungen ihr Lebensstil möglicherweise auf die Gesundheit hat

- von Presseticker  -

W eltweit erkranken immer mehr Menschen an Diabetes Typ 1. Die Autoimmunkrankheit wird durch einen Insulinmangel verursacht – was genau die Krankheit auslöst, ist bisher jedoch nicht bekannt.
Forscher vermuten nun, dass zu viel Hygiene die Ursache sein könnte. Leben wir in einer zu sterilen Umgebung? Schwächt zu viel Sauberkeit das Immunsystem? Oder ist die industrialisierte Ernährung schuld?

In dieser Ausgabe von Futuris (euronews) stellen wir Foschungsprojekte vor, die Antworten auf diese Fragen suchen. Wir beginnen in Finnland, dem Land mit der weltweit höchsten Rate an Typ-1-Diabetikern.

Ungelöstes Rätsel Diabetes

Von 100.000 Menschen entwickeln hier jährlich rund 60 Personen diese Krankheit. Eine der vielen Diabetes-Patientinnen ist Irina Kim, die in einem Vorort von Helsinki lebt. Im Alter von zehn Jahren wurde sie überstürzt ins Krankenhaus eingeliefert, wo sie mehrere Tage in der Notaufnahme verbrachte.

Die Diagnose: Diabetes Typ 1. Seitdem ist Irina auf regelmässige Insulinspritzen angewiesen, die ihren Blutzuckerspiegel regeln. Sie erklärt:
“Ich muss immer ein paar Spritzen bereithalten. Ich brauche eine Injektion mit schnell wirkendem Insulin vor jeder Mahlzeit, und am Abend spritze ich mir langsam wirkendes Insulin.”

Komplett bakterienfreie Räume, sterile Nahrung - neue Studien geben der übertriebenen Hygiene unserer Zivilisation die Schuld für die Schwächung des Immunsystems. Besonders besorgniserregend ist, dass immer mehr Kinder an Diabetes erkranken.

Das Forschungsprojekt DIAbimmune soll herausfinden, weshalb immer mehr junge Finnen zu wenig Abwehrkörper entwickeln und somit anfällig für Autoimmunkrankheiten werden.
Studienteilnehmer Sari Mildh-Laakkonen sagt:
“Vielleicht leben wir einfach in einer viel zu sauberen Umgebung. Vielleicht ist das der Grund, weshalb wir Allergien und andere Krankheiten bekommen.”

Im Kinderkrankenhaus der Universität Helsinki werden Proben abgegeben, die dann verpackt und zur Auswertung in verschiedene Labore gebracht werden. Im Helsinki Biomedicum Forschungzentrum leitet Mikael Knip, Professor für Pädiatrie an der Universität Helsinki, die Untersuchungen fèr das Projekt DIAbimmune: “Wir haben hier verschiedenen Proben: Wir haben Rektalabstriche, Stuhlproben, Nasenabstriche…
Das hier ist eine Probe der Mich, die das Kind zu rinken bekommt. Und hier haben wir eine Staubprobe aus dem Kinderbett.”

Die Forscher hoffen, dass die Proben Hinweise liefern, warum vielen finnischen Kindern Abwehrkräfte fehlen. Möglicherweise sind zu wenig Infektionen im Säuglingsalter die Ursache. Heikki Hyöty, Professor an der Medical School der Universitàt Tampere: “Die Krankheiten, die ein Kind bekommt, bevor es ein Jahr alt wird, sind sehr wichtig für sein Immunsystems. Fehlen dem Kind bestimmte Infektionen, entwickelt sich das Immunsystem nicht richtig, und das macht die Kinder anfällig für Krankheiten wie Diabetes oder Allergien.”

Um diese Theorie zu bestätigen, haben sich die Forscher im benachbarten Estland sowie in der russischen Republik Karelien umgeschaut.
Obwohl Karelien direkt an Finnland grenzt, gibt es hier sechs mal weniger Diabetes-Erkrankungen als im Nachbarland. Der Grund dafür, vermutet Untersuchungsleiter Mikael Knip, könnte im niedrigeren Lebensstandard liegen: “Im russischen Karelien tummeln sich mehr Bakterien als in Finnland – das ist bewiesen. Und es würde die These bestätigen, dass Kinder, die mit mehr Bakterien in Berührung kommen, später seltener an Autoimmunkrankheiten leiden oder Allergien haben.”

Auch in Karelien nehmen 60 Kindergärten an dem Forschungsprojekt Diabuimmune teil. Freiwillige Familen unterziehen sich den gleichen Tests und füllen die gleichen Fragebögen aus, wie ihre Nachbarn in Finnland.
Sie beantworten Fragen zur Ernährung und zum Lebensstil der ganzen Familie.

Anhand der ausgefüllten Fragebögen können die Wissenschaftler nachvollziehen, wie die Kinder leben und welche Auswirkungen ihr Lebensstil möglicherweise auf die Gesundheit hat.
Mindestens bis 2013 sollen die Untersuchungen noch gehen. Wenn dann herausgefunden wird, dass weniger Hygiene tatsächlich das Diabetes-Risiko mindert, könnten Kinder in Zukunft gegen eine Erkrankung immunisiert werden, zum Beispiel mit probiotischer Nahrung.

DIAbimmune-Forschungsleiterin Natalia Dorshakova: “Wir haben bei der Behandlung von Diabetes schon viele Erfolge erzielt. Bisher behandeln wir allerdings nur die Symptome. Unsere eigentliche Aufgabe ist es, zu verhindern, dass die Bauchspeicheldrüse das Immunsystem attackiert und zerstört, oder diesen Prozess zumindest aufzuhalten. Dafür müssen wir herausfinden, welche Faktoren Diabetes Typ 1 auslösen. Nur wenn wir unseren Feind kennen, können wir ihn besiegen.”

Eine wichtige Hürde müssen die Forscher allerdings noch überwinden: Derzeit liegen zehntausende eingefrorene Proben in Karelien im Labor. Damit sie für Untersuchungen ausgeführt werden dürfen, muss in der Republik Karelien erst noch eine Gesetzesänderung in Kraft treten.

Im französischen Montpellier verfolgt ein anderes Europäisches Forschungsprojekt ambitionierte Ziele: Im Universitätszentrum wird derzeit ein neues High-Tech System getestet, das den Blutzuckerspiegel von Diabetes-Patienten überwacht und die Testpersonen warnt, sobald er mit Medikamenten reguliert werden muss. Drahtlose Sensoren auf den Körpern der Patienten messen die Blutwerte.

Jérôme Place, Ingenieur und Forscher an der Universität Montpellier sagt: “Diese beiden Sensoren kommunizieren mit einem dritten Gerät. Der Prototyp wurde im Rahmen des DiAdviser-Projekts entwickelt. Das Gerät nutzt die durch die Sensoren generierten Daten und kann dann vorhersagen, wie sich der Blutzuckerspiegel in den nächsten Stunden ändern wird.”

Das tragbare Messgerät soll künfig Fluktuationen der Blutzuckerwerte vorhersagen können. Es wird derzeit an sechzig Diabetikern in drei europäischen Ländern getestet.

Diabetes-Patient und DIAdvisor-Testperson Pierre Favantines beshreibt das Gerät: “Es ist nicht viel grösser als ein Mobiltelefon. Wenn ich mich nicht gut fühle – wenn ich etwa merke, dass mein Blutzuckerspiegel sinkt – nehme ich es aus der Tasche, drücke auf einen Knopf und befolge die Ratschläge, die mir gegeben werden.”

Das neue Gerät berücksichtigt auch die körperliche Betätigung des Patienten, seine Mahlzeiten und die Insulinzufuhr, um akkurate Vorhersagen liefern zu können. Christophe Nguyen, ein weiterer Studienteilnehmer, sagt: “Wenn man seine Blutzuckerwerte kennt, kann man entsprechend reagieren. Etwa Zucker essen, um eine Unterzuckerung zu vermeiden. Und sobald man unterzuckert ist, wird man durch ein Signal gewarnt – man kann reagieren und langfristige Nebenwirkungen verhindern.”

Wissenschaftlern zufolge könnte das neue Wundergerät das Leben von Diabetes-Patienten erheblich erleichtern und ihnen helfen, ihren Alltag zu meistern.

Eric Renard, einer der Leiter des Forschungsprojekts, sieht den grössten Vorteil darin, dass das Gerät dem Patienten Entscheidungen abnimmt: “Eine der schwierigsten Aufgaben für insulinabhängige Diabetiker ist es, Entscheidungen zu treffen. Oft merken sie zwar, dass die Blutzuckerwerte nicht stimmen, wissen aber nicht, was sie tun sollen. Sie haben Angst, eine falsche Entscheidung zu treffen. Dieses Gerät gibt ihnen Sicherheit, indem es ihnen sagt, wie sie genau zu reagieren haben. Ein erster Test hat gezeigt, dass das Gerät in 90 Prozent der Fälle Recht behält. Und es gibt nie falsche Tipps. Es kann vielleicht ungenau sein, aber die Richtung stimmt immer. “

Wenn sich das neue Messgerät bewährt, könnten es die Millionen Diabetes-Patienten auf der Welt also bald einfacher haben als bisher.
Und die Forscher arbeiten bereits an einem weiteren Projekt: einer intelligenten künstlichen Bauchspeicheldrüs für Diabetes-Patienten…

→ diabimmune.org
→ diadvisor.eu

2012-01-11 16:00 – RF/euronews

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