Nach der Krise ist vor der Krise

Auch ausserhalb des Kunstdiskurses stoßen Oliver Resslers Arbeiten auf Interesse

- von Presseticker  -

I n der Basis Galerie in Frankfurt/Main werden in der Ausstellung “Nach der Krise ist vor der Krise” vom 03. Februar bis zum 01. April Photographien, Filme, Wandtexte und Installationen des Künstlers Oliver Ressler ezeigt.

Die formal äusserst heterogene künstlerische Praxis Resslers, die Filme, Photographien, Wandtexte und installative Arbeiten umfasst, befragt die Hintergründe ökonomischer und politischer Krisen und analysiert deren Wirkmechanismen. Er bedient sich dokumentarischer und fiktionaler Strategien, um Fragen gesellschaftlicher Teilhabe und ökonomischer Gerechtigkeit zu artikulieren und alternative Handlungsräume aufzuzeigen.

Oliver Resslers Kunst thematisiert die Ausgangspunkte und Folgen der Finanz- und Wirtschaftskrise und der dabei zutage tretenden grundlegenden Schwäche des repräsentativen Demokratiemodells.

Als konstitutiver Ansatz innerhalb seiner Arbeiten werden die bewusste Engführung von aktiven Handlungsformen des Widerstands und die reflexive Präsentation der aktuellen krisenhaften gesellschaftlichen Prozesse sichtbar.

Seine Filme und Photographien fokussieren sowohl auf die AkteurInnen als auch die KritikerInnen und Prekarisierten des herrschenden politischen Systems. In dieser Gegenüberstellung werden Machtstrukturen transparent und Strategien zur Veränderung sichtbar. Oliver Ressler macht auf Konzepte der Selbstbestimmung und Möglichkeiten der politischen und gesellschaftlichen Veränderung aufmerksam.

Auch ausserhalb des Kunstdiskurses stoßen seine Arbeiten auf Interesse. Bestimmte Formate, die seine Arbeiten annehmen können, verbleiben im künstlerischen Feld, während einige seiner Filme z. B. regelmäßig bei Veranstaltungen politischer Gruppierungen gezeigt werden.
Seine Arbeiten erschliessen sich somit nicht ausschliesslich über den Kunstkontext und über zeitgenössische künstlerische Diskurse, sondern ebenso über das Interesse an einer politischen Auseinandersetzung. Sie machen politische Krisen greifbar und dienen als Ausgangspunkt gesellschaftlicher Analysen und der Frage nach der eigenen politischen Verortung.

Im Kontext der vielschichtigen politischen und ökonomischen Probleme Europas erscheint die erste grosse Einzelausstellung Oliver Resslers in Deutschland – gerade in der europäischen Bankenmetropole Frankfurt am Main – als wichtiges Modell, die reflexiven Möglichkeiten der Kunst als kritisches Instrument der Befragung gesellschaftlicher Prozesse in Szene zu setzen.

Resslers filmischen Werken liegt oft eine Interviewsituation zugrunde, wobei der Künstler sich selbst als Akteur zurücknimmt, um den Fokus auf die ProtagonistInnen selbst zu legen und eine Plattform für deren Anliegen herzustellen. Wer spricht, spielt in seinen Arbeiten eine grosse Rolle.

Beispielhaft für Resslers Methode ist der als inhaltlicher Ausgangspunkt der Ausstellung fungierende Film → What is Democracy, in dem anhand von Interviews mit AktivistInnen eine Art globale Analyse über die tiefe politische Krise des westlichen Demokratiemodells formuliert wird.
Diese Krise wird unter anderem darin ersichtlich, dass Wahlen in den parlamentarischen Demokratien immer mehr zu sinnentleerten Ritualen werden, während die wirklichen Entscheidungen abseits öffentlicher Debatten gefällt werden. Der Wandtext „Elections are a Con“ verweist eindringlich auf diese Gefahr

Den Umgang mit der Finanz- und Wirtschaftskrise sowie deren gesellschaftliche Konsequenzen thematisiert Ressler in seinen Filmen „The Bull Laid Bear“ und „Robbery“. Während ersterer den politischen und ökonomischen Strategien der Bankenrettung nachgeht, stellt „Robbery“ die Plünderungen der Jugendlichen 2011 in Grossbritannien mit den Plünderungen zahlreicher Staatskassen durch Regierungen in einen kausalen Zusammenhang.

Auch der Wandtext „Too Big to Fail“ beschäftigt sich mit der Bankenrettung. Die Worte, die auf politischer Ebene oftmals als Legitimation für die Rettung der Banken in Krisenzeiten genutzt werden, sind aus einem Photo gebildet, das Menschen auf einer Demonstration unter dem Motto „Wir zahlen nicht für eure Krise“ zeigt und verweist auf den Wunsch, als globale Bewegung ebenfalls systemrelevant zu werden.

Zu Oliver Resslers künstlerischer Praxis gehören auch Projekte im öffentlichen Raum. Die ursprünglich für den urbanen Raum in Kopenhagen entwickelte Arbeit „Resist to Exist“ verweist auf Formen der Wiederaneignung und politischen Intervention.

Oliver Ressler - Installation "What Is Democracy"

Oliver Ressler – Installation "What Is Democracy"

In Bezugnahme auf soziale Praxen von Bewegungen wie die der Piqueteros in Argentinien während der Krise 2001 wird auf Handlungsmöglichkeiten innerhalb des krisenhaften kapitalistischen Systems verwiesen.

„Socialism Failed, Capitalism is Bankrupt. What comes Next?“ thematisiert die Prekarisierung der Bevölkerung in Armenien. In der 2-Kanal-Video Installation beschreiben verarmte HändlerInnen ihren Überlebenskampf in der Krise, die Verschlechterungen ihrer Lebensbedingungen in der post-sowjetischen Ära und ihre Hoffnungen und Erwartungen auf einen sozialen Wandel.

Im Unterschied zu den filmischen Arbeiten zeigen Resslers Photographien mit dem Titel „We Have a Situation Here“ ein gestelltes Szenario. Polizisten, Soldaten und Manager liegen regungslos arrangiert auf einem Haufen.
Während diese Akteure und Hüter der bestehenden Machtverhältnisse funktionslos darniederliegen, werden Fragen laut, ob und wie eine alternative Ordnung möglich ist und wie diese aufgebaut werden kann.

Jene Vorstellung von einer neu strukturierten Demokratie und einer politischen Autonomie sind inhärenter Bestandteil von Resslers Arbeiten, denn sie zeigen nicht nur ein Bild politischer und ökonomischer Strukturen auf, sondern auch Möglichkeiten, bestehende Ordnungen zu hinterfragen und zu verändern.

Die Ausstellung „Nach der Krise ist vor der Krise“ soll um aktuelle Arbeiten ergänzt in den kommenden Jahren weitergeführt werden. Die nächste Station des Projektes ist unter dem Titel „After the Crisis is before the Crisis“ die Galleria Artra in Mailand.
(Kurator: Marco Scotini, 28.02. bis 14.04.2012)

Oliver Ressler, geboren 1970, lebt und arbeitet in Wien und führt Ausstellungen, Arbeiten im Aussenraum und Filme zu Themen wie Ökonomie, Demokratie, Rassismus, Widerstandsformen und gesellschaftliche Alternativen durch.
Seine Projekte wurden in Einzelausstellungen im Berkeley Art Museum, USA; Platform Garanti Contemporary Art Center, Istanbul; Museum of Contemporary Art, Belgrad; Kunstraum der Universität Lüneburg; Centro Cultural Conde Duque, Madrid; Alexandria Contemporary Arts Forum, Ägypten und Bunkier Sztuki Contemporary Art Gallery, Krakau gezeigt.
Ressler nahm an mehr als 200 Gruppenausstellungen teil, darunter im MASS MoCA, USA; Itaú Cultural Institute, Sao Paulo; National Museum of Contemporary Art, Athen; Van Abbe Museum, Eindhoven und an den Biennalen in Prag, Sevilla, Moskau, Taipei und Lyon.
Für die Taipei Biennale 2008 kuratierte Ressler eine Ausstellung über die Anti-Globalisierungsbewegung, „A World Where Many Worlds Fit“, die ausserdem 2010 in der Foreman Art Gallery der Bishop University in Sherbrooke, Kanada gezeigt wurde.

2008 erschien im Promedia Verlag sein Buch „Alternative Ökonomien, alternative Gesellschaften“. Das Video „This is what democracy looks like!“ wurde 2002 mit dem Internationalen Medienkunstpreises des ZKM ausgezeichnet.

Galerie basis Frankfurt e.V.
Eröffnung Donnerstag, 02. Februar 2012, 19.00 Uhr
Ausstellung 03. Februar 2012 bis 01. April 2012
Öffnungszeiten
Dienstag – Freitag 11.00 – 19.00 Uhr
Samstag, Sonntag 12.00 – 18.00 Uhr
Gutleutstr. 8-12
60329 Frankfurt/Main

2012-01-31 13:00 – kulturticker

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