Im Mainstream-Kino wird die Gewalt als Konsumartikel gehandelt

Regisseur Michael Haneke im Interview

- von Presseticker  -

I n den vergangenen 25 Jahren ist der Österreicher Michael Haneke zu einem der wichtigsten Regisseure der Filmgeschichte geworden. Von seinen ersten Arbeiten bis zu seinem aktuellen Film Liebe, der in diesem Jahr den Oscar für den besten fremdsprachigen Film erhielt, hat er einen ganz eigenen Stil entwickelt: schlicht, realitätsnah, mit unseren Ängsten, Geheimnissen und Tabus spielend.
Während andere mit dem Alter nachlassen, scheint Haneke immer besser zu werden. Jetzt hat er den Prinz-von-Asturien-Preis erhalten. Anja Bencze hat ihn für euronews im spanischen Oviedo getroffen.

euronews: Her Haneke, die Liste Ihrer Preise und Auszeichnungen füllt mehrere Seiten: Europäischer Filmpreis, Deutscher Filmpreis, Golden Globes, zwei Goldene Palmen, ein Oscar, jetzt der Prinz-von-Asturien-Preis. Über welche Auszeichnung freuen Sie sich am meisten?

Michael Haneke: Man freut sich über jede Auszeichnung, weil, man macht ja die Filme, damit sie gesehen werden, und Auszeichnungen helfen dabei, dass die Leute neugierig sind und sich das anhören. Also ich freu’ mich immer. Und natürlich, wenn es ein bedeutender Preis ist, nimmt man den mehr wahr, wenn es so viele sind.
Aber das heisst nicht, dass ich mich nicht über irgendeinen Preis in irgendeinem kleinen Festival nicht freue. Das ist sehr angenehm, besser als das Gegenteil.

Im Mainstream-Kino wird die Gewalt als Konsumartikel gehandelt
Regisseur Michael Haneke im Interview

euronews: Amour, ein Film über die Liebe, das Sterben und die Angst vorm Tod hat Ihnen all diese Auszeichnungen und den vorläufigen Höhepunkt Ihrer Karriere beschert. Die Oscar-Verleihung liegt schon ein paar Monate zurück.
Mit ein wenig Abstand: Wie erklären Sie sich, dass ein Film, der nicht dem Mainstream entspricht, weil er ein Thema behandelt, dass den meisten Menschen unangenehm ist, so grossen Erfolg haben konnte?

Michael Haneke: Ich glaube, es hat mit dem Zeitpunkt zu tun, als der Film rausgekommen ist. Ich sage immer, wenn ich den Film zehn Jahre vorher gemacht hätte, hätte er sicher den Erfolg nicht gehabt. Denn dieses Thema ist in den letzten Jahren auch durch die Medien natürlich immer mehr ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Dass das ein Thema ist, über das gesprochen werden sollte.

Das war auch ein Glücksfall. Weil wir haben sowohl ich, als auch meine Produzenten am Anfang, als ich angekommen bin und hab’ gesagt, ich möchte einen Film über dieses Thema machen, haben die gesagt, Kassengift, das machen wir doch besser nicht.
Da mich das aber interessiert hat, weil ich aus privaten Gründen mit dieser Problematik konfrontiert war, habe ich das dann durchgesetzt, und zum Schluss waren wir alle glücklich. Es ist ja wunderbar, dass es stattgefunden hat.

euronews: Ihre Filme werden geliebt und gefürchtet, weil sie den Zuschauer mit verdrängten Ängsten und Geheimnissen konfrontieren. Gewalt ist ein wichtiges Thema, physische und psychische Gewalt. Können Sie verstehen, dass manche Menschen das wie eine Folter empfinden?

Michael Haneke: Ja also, ich kann dagegen nichts sagen, es ist ja niemand gezwungen, ins Kino zu gehen. Es bezieht sich ja meistens auf einen Film von mir, ‘Funny Games’. Und ‘Funny Games’ war ja auch als Provokation gedacht, also den Leuten doch ein bisschen vor Augen zu führen, worauf sie sich einlassen, wenn sie einen gewalttätigen Film anschauen.

Denn normalerweise im Mainstream-Kino wird die Gewalt als Konsumartikel gehandelt. Da sitzt man dann und schaut dem allem zu und es geht einen nichts an, weil es ist ja nur im Kino. Und das ist schon etwas, dass mich ein bisschen auf die Palme bringt, und der Film war die Reaktion darauf, dem Zuschauer vor Augen zu führen, zu wessen Komplizen er sich macht.

euronews: Sie sind Österreicher, gebürtiger Münchener, aufgewachsen in Wien, wo Sie auch leben, haben in Deutschland gearbeitet und drehen immer wieder Filme in Frankreich mit französischen Schauspielern auf Französisch. Warum? Wo fühlen Sie sich am ehesten zu Hause?

Michael Haneke: Ich fühle mich zu Hause dort wo man mich arbeiten lässt. Und es ist natürlich in Frankreich leichter Filme zu machen, also ‘anspruchsvolle’ Filme, nicht reines Mainstream zu machen, es ist in Frankreich leichter, Geld dafür zu bekommen.
Ausserdem gibt es wunderbare Schauspieler in Frankreich. Das heisst nicht, dass es nicht in Deutschland auch wunderbare Schauspieler gibt.

Aber es hat sich ergeben. Und dass ich überhaupt einen Film in Frankreich machen konnte, basiert darauf, dass die Juliette Binoche meine österreichischen Filme gesehen hat und mich dann angerufen hat, und mir vorgeschlagen hat, ob wir nicht etwas miteinander machen. Ich war ganz verblüfft davon und habe gedacht, da will mich jemand auf die Schippe nehmen, und dann haben wir halt diesen Film gemacht, und dann hat sich wieder etwas anderes ergeben und so weiter.

Und ich habe jetzt dort viele Freunde und arbeite dort gern, das heisst nicht, dass ich nicht in Deutschland oder in Österreich arbeite. Das hängt immer auch von der Geschichte ab, die man erzählen will.

euronews: Wer Ihren Namen bei Google eingibt, stösst früher oder später auf einen Twitter-Account von Michael Haneke mit ziemlich witzigen Bemerkungen. Dabei handelt es sich um eine Parodie von einem Fan von Ihnen, von einem Journalisten.
Das Konto wurde inzwischen eingestellt, war aber sehr beliebt, hatte bis zu 20.000 Anhänger. Sie haben wohl damals darüber gelacht, halten aber nichts von sozialen Medien. Warum eigentlich nicht?

Michael Haneke: Nein, das habe ich nicht gesagt, ich habe drüber gelacht, weil ich wusste es gar nicht, sondern meine Studenten haben mich drauf aufmerksam gemacht. Also habe ich’s mir angeschaut und fand es lustig, aber das war’s auch schon.

Also es ist überhaupt nicht wahr, dass ich davon nichts halte, im Gegenteil, mein neuer Film, also an dem ich gerade schreibe, streift dieses Thema ein bisschen, ja, aber es ist nicht so, dass ich mich jetzt persönlich andauernd darin bewege, weil ich gar nicht die Zeit für so etwas habe.

euronews: Sie haben mir meine nächste Frage schon aus dem Mund genommen, das nächste Filmprojekt, verraten Sie ein bisschen mehr?

Michael Haneke: Mehr kann ich nicht verraten, weil ich habe zu oft etwas verraten und musste mich dann korrigieren und mich dafür entschuldigen, dass der Film jetzt doch etwas anderes erzählt, als ich ursprünglich gesagt habe.
Darum habe ich mir geschworen, ich werde mich da zurückhalten.

euronews: Viele renommierte US-Regisseure wenden sich derzeit vom Kino ab, um für das Fernsehen Serien zu produzieren. Sie selbst sind ja ein Mann, der vom Fernsehen kommt. Ist das für Sie eine Zukunftsperspektive?

Michael Haneke: Wenn das Mainstream-Kino weiter so dämlich bleibt, ist ja natürlich, dass die Leute, die ein bisschen mehr Ambitionen haben, eine Nische suchen.

Kein Mensch hätte das gedacht vor zehn Jahren, dass das möglich ist, dass das Fernsehen jetzt wieder auflebt aufgrund der Frustration, der intellektuelleren Filmemacher in Amerika, die sich jetzt alle diesen Serien zuwenden. Ich finde das wunderbar, dass die das machen.

Weil, das sind ja zum Teil wirklich intelligente Geschichten, die man im amerikanischen Kino nicht mehr findet. Also warum denn nicht? Was sich daraus ergibt, wissen wir alle nicht, sonst hätten wir schon vorher gewusst, dass das jetzt stattfindet.

So lange man mich lässt, werde ich gerne weiter arbeiten, und so lange mir etwas einfällt. Kann ja sein, dass mir nichts mehr einfällt. Dann werde ich mich nicht weiter bemühen, aber so lange es geht, so lange die Leute das sehen wollen, gibst ja keinen Grund aufzuhören.

euronews: Wir nehmen Sie beim Wort. Herr Haneke, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

RF/euronews

→ Michael Hanekes Film “Liebe”

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