Masern: Der Kampf gegen die vergessene Krankheit

Um einen bestmöglichen Schutz vor der Krankheit zu erhalten, braucht man zwei Impfeinheiten

- von Presseticker  -

N astasia Luc hat einen spektakulären Genesungsprozess hinter sich. Vor gut einem Jahr fiel sie ins Koma, nachdem sie sich mit Masern angesteckt hatte. Die 16-Jährige lebt im südost-französischen Valence.
Von einem Tag auf den anderen klagte sie über Halsschmerzen, bekam rote Flecken, Fieber. Nach einer Woche und mit einer Körpertemperatur von 41 Grad wurde sie ins Krankenhaus gebracht.

Die Diagnose: Enzephalitis, eine Entzündung des Gehirns. Zwölf Tage lang lag sie im Koma, vier Monate dauerte der Genesungsprozess.
Heute sagt sie: „Als erstes erinnere ich mich an die Krankengymnastik, denn ich konnte Arme und Beine nicht mehr bewegen. Nach drei Wochen konnte ich wieder gehen und sogar Treppen steigen. Eine Woche lang konnte ich wegen der Lähmung nicht sprechen. Ich verlor alle meine Muskeln. Mein Gewicht sank von 50 auf 39 Kilo.“

Nastasia ist eines der Opfer der Masern-Epidemie, die Europa in den vergangenen Jahren heimgesucht hat. Die hochansteckende Krankheit kann schwerwiegende Folgen haben. Lungenentzündung, Mittelohrentzündung, Diarrhöe und Nervenkrankheiten.

In den vergangenen drei Jahren wurden drei Viertel der Masern-Patienten ins Krankenhaus gebracht. Im Jahr 2011 haben sich in Europa 30.000 Menschen mit Masern infiziert.
Genau so viele Fälle gab es 2010, viermal mehr als 2009. Acht Patienten sind an den Folgen der Masern gestorben, sechs davon in Frankreich, das von der Krankheit am stärksten betroffen war.

90 Prozent der Fälle traten in fünf Ländern auf: Frankreich, Italien, Rumänien, Spanien und Deutschland. Die meisten waren nicht oder nur unzureichend geimpft.

Masern: Der Kampf gegen die vergessene Krankheit

Um einen bestmöglichen Schutz vor der Krankheit zu erhalten, braucht man zwei Impfeinheiten. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation sollen die Masern in Europa 2015 besiegt sein. Pierluigi Lopalco leitet den Bereich für Impfprävention am Europäischen Zentrum für die Prävention und Kontrolle von Krankheiten.
Er sagt: „Wenn 95 Prozent der Bevölkerung geimpft sind, dann werden auch die übrigen fünf Prozent, die nicht geimpft werden können, etwa Neugeborene oder immunsupprimierte Menschen, geschützt.“

Experten nennen das “Herdenimmunität”. Wenn 95 Prozent der Bevölkerung zwei Impfeinheiten erhalten, kann das Virus sich nicht mehr ausbreiten. So werden auch die schwächsten Individuen geschützt, etwa immunsupprimierte Menschen, ausserdem die raren Fälle, die nach einer einmaligen Impfdosis keinen Impfschutz entwickeln und Babys unter zwölf Monaten.

Masern im ersten Lebensjahr können verheerende Folgen haben. Max war zu jung, um geimpft zu werden. Sein Vater, Rüdiger Schönbohm, sagt: „Max wurde mit sechs Monaten krank, er war gerade noch Säugling und hat die Masern vermutlich aus dem Kindergarten seines Bruders mitgebracht. Er ist dann relativ stark krank geworden.
Nach einer Woche ging es wieder weg und danach hat er sich ganz normal entwickelt. Da war das vergessen und alles war wieder in Ordnung, dachten wir.“

Bei Max haben die Masern eine subakute sklerosierende Panenzephalitis, kurz SSPE, ausgelöst. Diese seltene langsame Virusinfektion verläuft immer tödlich. Es gibt einen Fall bei 25.000 Menschen aller Altergruppen, bei denen, die sich im alter unter zwei Jahren infiziert haben, ist es ein Fall pro 8000 Menschen.

Bei Max traten die ersten Symptome zehn Jahre später auf, berichtet seine Mutter, eine ausgebildete Krankenschwester. Anke Schönbohm sagt, er liege seit April 2006 im Wachkoma. Max wird bald 18. Anke und Rüdiger Schönbohm haben die Einrichtung ihres Hauses in der Nähe von Stuttgart ganz auf die Bedürfnisse von Max abgestimmt.

„Wenn Leute sagen, sie impfen bewusst nicht, weil die SSPE eben auch durch die Impfung ausgelöst werden kann, was definitiv widerlegt wurde, sowas ärgert mich. Oder wenn sie eben felsenfest davon überzeugt sind, dass es einfach für die Entwicklung des Kindes wichtig ist, die Masern durchzumachen“, sagt Anke Schönbohm, „wenn ich so etwas höre, da könnte ich wirklich auf die Palme gehen, weil, wenn ich mir heute unseren Sohn angucke, was soll ihm das für seine Entwicklung genützt haben.
Welche Entwicklung? Die Entwicklung ist zurückgegangen. Er wird sterben.“

RF/euronews

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