Die Franzosen versenken sich selbst

Gibt es einen Faschismus-Kandidaten? - von Thierry Meyssan

- von Presseticker  -

W ir erleben eine historische Wende in Frankreich, in der das bisherige politische Spektrum auseinander fliegt und eine neue Kluft entsteht. Angesichts der intensiven Medien-propaganda, welche das Land heimsucht, erkennen die Franzosen die tatsächlichen Richtschnuren nicht mehr und klammern sich an rote Linien, die nicht mehr existieren. Dennoch sind die Fakten klar und manche Entwicklungen absehbar.

Nach einem hektischen Wahlkampf qualifizierten die Franzosen Emmanuel Macron und Marine Le Pen für die zweite Runde der Präsidentschaftswahl.
Fast alle geschlagenen Kandidaten, mit Ausnahme von Jean-Luc Mélenchon – und das ist kein Zufall – haben bereits aufgerufen, für Macron zu stimmen, der also wahrscheinlich die Stichwahl gewinnen dürfte.

Die beiden grossen historischen Parteien, die Frankreich seit Anfang der fünften Republik regiert haben, die Republikaner (Ex-Gaullisten) und die Sozialistische Partei (ehemalige Jaurès Anhänger, Sozialdemokraten) haben verloren.
Stattdessen kommt ein Neuling von “En Marche!” auf den ersten Platz und steht dem FN (Front National) gegenüber.

Gibt es einen Faschismus-Kandidaten?

In der französischen Geschichte ist es nicht das erste Mal, dass eine solche Kluft entsteht: Auf der einen Seite ein Unterstützer des Bündnisses mit dem, was die grösste Macht des Augenblicks zu sein scheint (die USA), auf der anderen eine Partei auf der Suche nach nationaler Unabhängigkeit; auf der einen Seite die ganze herrschende Klasse, praktisch ohne Ausnahme, auf der anderen eine aus von überall zusammengelaufenen Leuten bestehende Partei, überwiegend Proletarier, deren zwei Drittel von rechts kommen und ein Drittel von links.

Natürlich wird der künftige französische Präsident Herr Macron sein; ein Mann der Rothschild & Co Bank, der schon jetzt von allen Unternehmen des CAC40 (Börse) unterstützt wird.

Nun, ob es unseren Vorurteilen entspricht oder nicht, so ist die einhellige Unterstützung durch das Finanzkapital doch ein grundlegendes Merkmal faschistischer Parteien.

Diese Einstimmigkeit des Grosskapitals ist immer von einer Einheit der Nation begleitet, welche die Unterschiede verwischt. Um gleich zu sein, muss man identisch werden. Das ist genau, was Präsident Hollande in den Jahren 2012/13 mit dem Gesetz zur “Mariage pour tous” (“Ehe für alle”) begonnen hatte.
Als vermeintliche Gleichberechtigung der Bürger interpretiert, unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung, besagt dieses in der Tat, dass die Bedürfnisse von Familien mit Kindern identisch wären mit jenen der homosexuellen Paare. Es gab jedoch andere, intelligentere Lösungen.
Der Widerstand gegen dieses Gesetz führte zu riesigen Demonstrationen, die leider keinen anderen Vorschlag brachten und mitunter schwulenfeindlichen Parolen Raum boten.

Genau so wurde auch das Attentat gegen Charlie Hebdo mit “Ich bin Charlie!”-Rufen gefeiert, und Bürger, die sich “nicht Charlie” fühlten, wurden verfolgt.

Es ist traurig, dass die Franzosen mehrheitlich weder gegen die Einstimmigkeit des grossen Kapitals aufbegehren, noch gegen die Anordnungen juristischer Normen und ewig gleiche Parolen nachplappern. Stattdessen verharren viele in der Wahrnehmung, der Front National sei eine “faschistische” Strömung, ohne jegliches andere Argument als dessen Vergangenheit.

Kann man dem Kandidat des Faschismus standhalten?

Die meisten Franzosen denken, dass Emmanuel Macron ein Präsident wie Sarkozy und Hollande sein wird, ein Mann, der dessen Politik fortsetzen wird. Sie erwarten daher, dass ihr Land noch weiter absinken wird.
Sie akzeptieren diesen Fluch im trügerischen Glauben, dass sie so die Gefahr des Rechtsextremismus abwenden würden.

Viele erinnern sich, dass die Verlierer des zweiten Weltkriegs und der sozialdemokratischen Politik der Kolonisierung Algeriens im Front National zu seiner Gründungszeit Unterschlupf fanden. Sie heben einige Kollaborateure mit den Nazi-Besatzern hervor, ohne zu bemerken, dass der Front National von heute absolut nichts mit diesen Leuten gemein hat.
Sie machen weiterhin Leutnant Jean-Marie Le Pen (Vater von Marine Le Pen) für das algerische Drama verantwortlich, entschuldigen aber die Verantwortung der damaligen sozialdemokratischen Führer, vor allem jene des schrecklichen Innenministers François Mitterrand.

Frankreich: Präsidentschaftskandidaten Emmanuel Macron, Marine Le Pen

Frankreich: Präsidentschaftskandidaten Emmanuel Macron, Marine Le Pen

Kaum jemand erinnert sich, dass 1940 ein faschistischer Minister, General Charles de Gaulle, den “Waffenstillstand der Schande” mit Nazi-Deutschland verweigerte. Dieser Mann, offizieller Nachfolger von Marschall Philippe Pétain (der Pate seiner Tochter war), begann den Widerstand allein.
Gegen seine Ausbildung und seine Vorurteile kämpfend versammelte er langsam, gegen seinen ehemaligen Mentor, aus allen gesellschaftlichen Bereichen kommende Franzosen um sich, um die Republik zu verteidigen. Er umgibt sich mit einer linken Persönlichkeit: Jean Moulin, der wenige Jahre zuvor heimlich Geld aus dem Marine-Ministerium abgezweigt und Waffen verkauft hatte, um die spanischen Republikaner gegen die Faschisten zu unterstützen.

Kaum jemand erinnert sich, dass ein Kollege von de Gaulle, Robert Schuman, seine Unterschrift auf den “Waffenstillstand der Schande” setzte, und dann ein paar Jahre später, die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (heute Europäische Union) gründete; eine supranationale Organisation, die auf dem Nazi-Modell von der “neuen europäischen Ordnung” beruht, gegen die Sowjetunion und heute gegen Russland.

Das Obama-Clinton Modell

Emmanuel Macron geniesst die Unterstützung des ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama. Er hat ein Aussenpolitik-Team aufgestellt, das aus führenden neokonservativen Diplomaten besteht und macht keinen Hehl aus seiner Unterstützung der imperialen Aussenpolitik der US-Demokraten.

Wenn Barack Obama auch seine Aussenpolitik mit einer Rhetorik präsentiert hatte, die der seines Vorgängers, dem Republikaner George W. Bush, diametral entgegengesetzt war, so ist er in der Praxis doch in allen Punkten in dessen Fußstapfen getreten.
Die beiden Männer haben nacheinander den selben Vernichtungsplan gegen die Gesellschaften des “Erweiterten Nahen Ostens” geführt, der schon mehr als drei Millionen Menschen das Leben gekostet hat.

Emmanuel Macron unterstützt diese imperiale Politik, wobei man noch nicht weiss, ob er diese mit “Demokratisierung” oder mit “spontanen Revolutionen” rechtfertigen wird.

Nichts beweist bislang, dass Marine Le Pen fähig sein wird, die Rolle Charles de Gaulles zu spielen, aber drei Dinge sind sicher:

- Ebenso wie die Briten im Jahre 1940 ihren Ekel unterdrückten, als sie de Gaulle in London aufnahmen, so werden die Russen heute Le Pen unterstützen.

- Ebenso wie im Jahr 1939, als nur wenige Kommunisten den Anweisungen ihrer Partei trotzten, um den Widerstand aufzunehmen, sind heute nur wenige Anhänger von Jean-Luc Mélenchon bereit, diesen Schritt zu wagen.
Aber nach dem Nazi-Angriff auf die Sowjetunion, unterstützte dann die gesamte Kommunistische Partei de Gaulle und bildete die Mehrheit des Widerstandes. Es besteht kein Zweifel, dass in den nächsten Jahren Mélenchon an der Seite von Le Pen kämpfen wird.

- Emmanuel Macron wird nie die Leute verstehen, die sich gegen die Unterdrücker ihrer Heimat auflehnen.
Er wird also auch nicht die Völker des “Erweiterten Nahen Ostens” verstehen, die mit der Hisbollah, der islamischen Republik Iran und der Arabischen Republik Syrien für ihre wirkliche Unabhängigkeit kämpfen.

→ voltairenet.org

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Ein Kommentar zu

Die Franzosen versenken sich selbst

  1. Gerhard Schnehen 8. Mai 2017 - 22:30 #

    Genauso wenig wie die Franzosen sind die Deutschen noch bewusstseinsmäßig in den alten Schützengräben links vers. rechts, obwohl die Realitäten schon längst eine ganz andere Richtung genommen haben. Hier zeigt sich das alte Gesetz, dass das Bewusstsein hinter der realen Entwicklung in Politik und Ökonomie hinterher hinkt, länger braucht, um wieder Anschluss an die Realität zu finden.
    Die Trennlinie, die europäischen Nationen durchzieht, ist die zwischen dem Oben und dem Unten. Daran hat sich nicht das Geringste geändert, außer dass die da unten immer mehr und immer ärmer werden und die da oben immer weniger und immer reicher.
    Sie führen den Klassenkampf von oben heute mit anderen Instrumenten als noch in den siebziger oder achtziger Jahren, als es noch ein ‘sozialistisches Lager’ gab. Die Eliten, die eng mit den Großbanken verbunden sind und sie kontrollieren, wissen, dass ihre soziale Basis schrumpft und immer weiter schrumpfen wird. Also entsteht ein neues ideologisches Bedürfnis, um die größere Masse des verarmten Volkes, die potenziell rebellisch ist, besser zu beherrschen. Man organisiert Farbenrevolutionen, man inszeniert künstlichen ‘islamistischen’ Terror durch die Geheimdienste, um so durch diese künstlichen Fakten falsches Bewusstsein zu schaffen, um selbst aus der Schusslinie zu geraten und um einen Teil der Massen gegen den anderen aufzubringen, und bringt die traditionelle Linke dahin, die Agenda der Oligarchen zu unterstützen oder zumindest als kleineres Übel gegenüber den ‘Rassisten’ und ‘Rechtsextremen’ zu empfinden. Man hetzt Christen gegen Muslime und treibt viele Muslime schutzsuchend in die Arme von im Grunde antiislamischen Fundamentalisten. Man ist in der Lage, innerhalb kürzester Zeit eine künstlich aufgebaute Alternative zu einer diskreditierten Politik aus dem Hut zu zaubern und dazu eine geeignete Marionette, die dann jene Linke als ‘kleineres Übel’ gegenüber der angeblichen Gefahr des Rechtsextremismus empfindet. Das heißt, dass die traditionelle Linke zu einer Schleppenträgerin der globalen Eliten wird, den am meisten reaktionärsten Kräften der herrschenden Großbourgeoisie, also der eigentlichen Brutstätte des Faschismus und des modernen Krieges. Die, die gegen Faschismus sein wollen, merken nicht, dass sie zu nützlichen Idioten der wahren Faschisten werden.
    Es wird höchste Zeit, dass die kritischen und alternativen Kräfte ideologisch Schritt halten und diesen Strategen eine eigene Strategie entgegensetzen, die ihren sozialen und ökonomischen Interessen entspricht.

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