Karl Marx über die Ursache der Finanzkrise

Dipl. Philosoph Peter Feist im Gespräch mit Prof. Dr. Michael Friedrich Vogt

- von Dipl. Phil. Peter Feist  -

K ommentatoren, Politiker aller Richtungen, sogar der Chefwirtschafts“weise“ des Münchener ifo-Instituts sprachen im Zusammenhang mit der gegenwärtigen Krise davon, das es sich eventuell nicht um die Folgen des fehlerhaften Wirkens Einzelner, z.B. von (gierigen) Managern handelt, sondern um einen „Fehler im System“; neulich sagte ein angesehener bayerischer Prof. für Staatsphilosophie im Fernsehen sogar, es sei nicht ausgeschlossen, dass „das System als Ganzes abschmiert“.

Nun, das System ist der Kapitalismus und den Systemfehler benannte Karl Marx so: „Der letzte Grund aller wirklicher Krisen bleibt immer die Armut und Konsumtionsbeschränkung der Massen gegenüber dem Trieb der kapitalistischen Produktion, die Produktivkräfte so zu entwickeln, als ob nur die absolute Konsumtionsfähigkeit der Gesellschaft ihre Grenze bildet.“

Die Unternehmen werden immer mehr produzieren (zumal unter den Bedingungen eines globalisierten Weltmarktes) als wir jemals kaufen und verbrauchen (d.h. konsumieren) können – genau darin besteht der Systemfehler, das ist die Kernaussage von Marx.

Weil die Gesundbeter diesen Zusammenhang nicht verstehen oder nicht zugeben wollen/können, taugen auch ihre Rezepte zur Krisenbewältigung nichts. Deshalb, weil der Fehler im System angelegt ist, nicht durch Managerfehler oder nur die ungerechte Verteilung von Reichtum entsteht, wird aus einer Überproduktion bei gleichzeitiger zu geringer Konsumtion periodisch, regelmäßig alle paar Jahre wieder, eine Wirtschaftskrise.

Karl Marx

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Weil dies keine Krise ist, die von den böswilligen Konsumenten verursacht wird, gab ihr Marx den Namen „Überproduktionskrise“. Die seit Herbst 2008 ausgebrochene Krise beinhaltet auch Elemente einer Überproduktionskrise (sogen. Krise der Realwirtschaft), hat aber ganz eigene, zum Teil neuartige Ursachen, weshalb sie zu Recht als Finanzkrise bezeichnet wird.

Was passiert, wenn jemand auf die “raffgierige” Idee kommt, mit diesen Zahlungsversprechen selbst zu handeln? Also sie zu verkaufen, sie zu beleihen, sie zu horten etc., um davon noch mehr Zinsen zu bekommen?
Dann sind wir in der modernen Kreditwirtschaft und nun wird es gefährlich, wie uns Marx wissen lässt:
„Mit der Entwicklung des zinstragenden Kapitals und des Kreditsystems scheint sich alles Kapital zu verdoppeln und stellenweise zu verdreifachen, durch die verschiedene Weise, worin dasselbe Kapital oder auch nur dieselbe Schuldforderung in verschiedenen Händen unter verschiednen Formen erscheint. Der grösste Teil dieses “Geldkapitals” ist rein fiktiv.“

Wenn sich der Handel mit diesen verdoppelten und verdreifachten Zahlungsversprechen spekulativ ausweitet, entsteht ein immer grösseres fiktives Kapital. Da aber letztendlich gilt, dass die Summe aller (Geld-)Werte mit der Summe aller Waren gleich sein muss, (was bedeutet, dass man zu jeder Zeit jedes Geld in eine Ware (Dienstleistung) umtauschen können muss), ist dieses fiktive Kapital eine tickende Zeitbombe.

Es geht alles solange gut, wie keiner ernsthaft nachfragt (ernsthaft bedeutet in diesem Zusammenhang, dass jemand seine Papierschnipsel in irgend etwas Reales eintauschen will).

Wenn das nämlich zu Viele gleichzeitig machen (wie z.B. am Beginn einer zyklischen Überproduktionskrise, wo alle Angst um ihren Besitz bekommen und in Panik alles verkaufen, um in reale Werte wie Gold oder Grund zu investieren, oder weil sie schlicht Geld brauchen), dann wird es kritisch.

Karl Marx über die Ursache der Finanzkrise
Dipl. Philosoph Peter Feist im Gespräch mit Prof. Dr. Michael Friedrich Vogt

Dann zeigt sich, wie im Märchen, das der Kaiser nackt ist, das fiktive tatsächlich eine Fiktion war, oder neudeutsch die “Blase platzt”, weil tatsächlich das verdoppelte und verdreifachte eigentlich nur einmal da war!

Wie die Krise überwinden?

Am elegantesten ginge dies natürlich mit der Überwindung des Kapitalismus, aber diese radikale Lösung ist nicht in Sicht, also gibt es leider nur Lösungen in ihm.

Zwei traditionelle Lösungen kennen wir, um einen solchen Überschuss an Geldmitteln und den damit verbunden Schuldtiteln (denn wirkliche Schulden, die z.B. wir Deutschen gegenüber den Banken hätten, gibt es nicht, es sind nur fiktive Titel, entstanden aus fiktivem Kapital) “gesundzuschrumpfen”.

1.) die geordnete:
mit einem Währungsschnitt (zum Beispiel einer Abwertung 1:10 oder 1:100), man würde also ein paar Nullen streichen, die Reichen blieben reich, (hätten nur auf dem Papier ein bisschen weniger), die Armen blieben arm, (nur das sie selbst das bisschen nicht mehr hätten, was sie sich mühsam erspart hatten).

Eine radikale Variante davon ist die plötzliche Einführung einer neuen Währung, was es allein in der deutschen Geschichte schon mehrfach gegeben hat, und die Gerüchte wollen nicht verstummen, dass die Einführung des Euro der Versuch war, so etwas in kleinerem Maßstab zu machen.

2.) die ungeordnete:
mit einer zum Irrsinn gesteigerten Inflation (Geldentwertung), auch Hyper-Inflation genannt, wie es sie in Deutschland in den 1920er Jahren ja schon einmal gab.
Seit 2010, in der zweiten Phase der Krise, die wegen des Angriffs der anglo-amerikanischen Banken auf die Konkurrenzwährung des Dollar zur Euro-Krise wurde, kennen wir eine dritte Variante:

3.) die Lösung durch Aufblähung der Staatsverschuldung:
Milliardenkredite zur Stützung der Banken (besser: des kapitalistischen Systems der Privatbanken) und ganzer Währungen, die durch “Sparpakete” (im wesentlichen massive Kürzungen der Sozialausgaben) von “den Steuerzahlern” (in Wirklichkeit durch Mehrwertsteuererhöhungen und Lohnabzüge eigentlich nur vom grössten Teil von ihnen, den lohnabhängig Beschäftigten), bezahlt werden müssen.

Also egal, welche Variante die Herrschenden, die politischen Handlager des Finanzkapitals, gerade bevorzugen, die Zeche zahlen wir, die “einfachen Leute”, die “Steuerzahler”.

Keine der beschreibbaren Alternativen ist wirklich gut, alle sind mit einem Verlust an materiellen Werten für die Mehrheit der Bürger verbunden, aber in sehr unterschiedlichem Maße, es kommt daher darauf an, das bald und energisch gehandelt wird.
Ganz offensichtlich wurde nicht im Interesse der Deutschen gehandelt, weder energisch noch national verantwortlich.

Nun besagt aber der 1. Hauptsatz der allgemeinen Krisentheorie: „Eine schwierige Situation wird zur Krise, wenn die Problemlösungskompetenz und Problemlösungsfähigkeit der handelnden Personen stetig abnehmen.“
Da wir dies täglich in Deutschland und auf der EU-Ebene beobachten können, stehen uns schwere Zeiten bevor.

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6 Kommentare zu

Karl Marx über die Ursache der Finanzkrise

  1. Heino Bosselmann 6. Dezember 2013 - 11:57 #

    Griffiger Text, passende Zitate, klare Argumentation. Politisch allerdings wird es vermutlich die Frage sein, inwiefern ein System, das weitgehend mit der problematischen Anthropologie unserer Spezies korrespondiert, also u. a. mit der Gier, tatsächlich umstellbar ist. Hinsichtlich einer aufklärerischen Einsicht wohl nicht, ja nicht einmal im Sinne eines primitivethischen Utilitarismus, für den die sog. Demokratie ja rein quantifizierender Ausdruck wurde. Kurz: Zu der Krise kam es ja, weil fatale menschliche Grundbedürfnisse in sie hineinführten, und zwar seitens der Produzenten und des Finanzkapitals wie ebenso seitens der Konsumenten. Übrigens sehe ich – mit Marx’ “Zur Judenfrage” – nirgendwo mehr den Citoyen – Gab es ihn je? – , sondern überhaupt nur noch den Bourgeois handeln. Und Politik? Reduzierte sich auf Buchhalterei. Oder ganz salopp: Es macht nachdenklich, daß den Kapitalismus bzw. die “Marktwirtschaft” niemand erfinden mußte, den Sozialismus aber sehr wohl. –

  2. montage kurt 23. Januar 2015 - 17:32 #

    Glückwunsch zu dem Gespräch mit Michael Vogt. Sie können Marx besser erklären als Georg Fülberth. Ich (Hintergrund Buchhaltung Bilanz / GUV, Kostenrechnung, Steuern) habe alle 3 Kapitalbände gelesen. Mit einer entsprechenden Schulung / Gruppe sind diese auch nicht so schwer zu verstehen. Ein Auto zu repaRIEREN ODER EIN FRANZÖSCHES gEDICHT ZU ÜBERSETZEN LERNT MAN AUCH NICHT IN EIN PAAR sTUNDEN: Aber Band 2 Kapitel 20 finde ich nicht gut gelungen. Die Beispiele zu den verschiedenen Abteilungen müssten verbessert werden. Und zwar so, dass man mit der untersten Produktionsstufe anfängt (zB. Bergwerk, Landwirtschaft) und weitergeht bis zur Stufe Nr 6 (zB. Konsumartikel Hose). Bei diesen Stufen hätte man zeigen können, dass die Kosten (ja auch, und gerade die variablen) der betrachteten Stufe die Fixkosten der nächsten Produktionsstufe bilden. Wenn ich bei meinem Beispiel dann die m + v aller Produktionsstufen addiere komme ich auf den Endpreis des Konsumgutes.
    1) 0+5+5 = 10 hier wird Wolle vom Schaf entfernt
    2)10+5+5 = 20
    3)20+5+5 = 30
    4)30+5+5 = 40
    5)40+5+5 = 50
    6)50+5+5 = 60 hier wird die Hose veredelt und verkauft
    Ähnlich hatte man in de BRD das System der altenMehrwertsteuer erklärt.

  3. Axel 25. November 2015 - 22:07 #

    Mit der Entwicklung des zinstragenden Kapitals und des Kreditsystems scheint sich alles Kapital zu verdoppeln und stellenweise zu verdreifachen, durch die verschiedene Weise, worin dasselbe Kapital oder auch nur dieselbe Schuldforderung in verschiedenen Händen unter verschiednen Formen erscheint. Der grösste Teil dieses “Geldkapitals” ist rein fiktiv.

    Bitte Zitatnachweis, wo hat Marx das geschrieben?
    Danke

    • RF 26. November 2015 - 08:37 #
      RF

      Karl Marx, Das Kapital Band III, MEW 25, 488

      • Axel 26. November 2015 - 11:58 #

        Danke!

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