Mit Gentechnik gegen Hunger und Armut?

Der Mangel an Vitamin A ist ein ernsthaftes gesundheitliches Problem in ärmeren Ländern - von foodwatch

- von Presseticker  -

A llen Bedenken und kritischen Stimmen zum Trotz: Die Gentechnik-Industrie will ihr Vorzeigeprodukt, den sogenannten „Golden Rice“, auf den Markt bringen. Der gentechnisch veränderte Reis soll den Vitamin-A-Mangel in armen Ländern bekämpfen.

Doch ein foodwatch-Report zeigt: Seriöse Studien fehlen, Risiken werden ignoriert.

Nach mehr als zehn Jahren der Produktentwicklung soll der sogenannte „Goldene Reis“ 2013 auf den Markt kommen. Dabei ist nach wie vor zweifelhaft, ob der in vielen Entwicklungsländern verbreitete gefährliche Vitamin-A-Mangel durch den gentechnisch veränderten Reis überhaupt wirksam bekämpft werden kann.

„Golden Lies“ der Gentechnik-Industrie

Ein aktueller → foodwatch-Report dokumentiert: Der wegen seiner gelblichen Färbung durch Carotinoide auch „Golden Rice“ genannte Reis und damit die grüne Gentechnik können keinen Beitrag im Kampf gegen Hunger und Mangelernährung leisten. Das Versprechen, den weit verbreiteten Vitamin-A-Mangel zu mindern, kann nicht gehalten werden.

Die wissenschaftlichen Nachweise für die Wirkung sind dünn oder nicht bekannt, die Risiken nicht ausreichend untersucht und zudem gibt es mittlerweile billige und effektivere Alternativen.

Genfood Nein DankeVitamin-A-Mangel als ernstes Gesundheitsproblem

Der Mangel an Vitamin A ist ein ernsthaftes gesundheitliches Problem in ärmeren Ländern. Er geht auf eine Fehlernährung zurück, die wiederum ihren wesentlichen Grund in der grossen Armut weiter Bevölkerungskreise hat.

Die Folgen: Augen- und Hauterkrankungen, Störungen des Immunsystems und der Fortpflanzung sowie Wachstumsstörungen bei Kindern.

Auch Todesfälle werden auf Vitamin-A-Mangel zurückgeführt. Global sind nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO etwa 190 Millionen Kinder betroffen, wobei das Ausmaß akuter gesundheitlicher Gefährdungen unterschiedlich ist. Die Hauptleidtragenden sind Kinder aus Afrika und Südostasien.

Nach Schätzungen der WHO aus dem Jahr 2008 sterben pro Jahr aufgrund des Vitaminmangels rund 670.000 Kinder, mehr als 250.000 Kinder erblinden.

Image-Kampagne der Gen-Lobby

Aufgrund der Relevanz des Problems schien das Golden-Rice-Projekt ein geradezu ideales Vorzeigeprojekt der Gentechnikindustrie zu sein. Diese hat nämlich ein Imageproblem: Ihr Saatgut kann zwar die Produktionskosten senken, weil Nutzpflanzen gegen Herbizide resistent gemacht werden und/oder vor Schädlingen geschützt sind, aber einen greifbaren Nutzen für Verbraucher kann sie nicht vorweisen.

Dafür aber gibt es jede Menge unabwägbare Risiken. Das Projekt „Goldener Reis“ ist und war für die Saatgutkonzerne deshalb auch immer ein Legitimationsbeweis für die Gentechnik. Gezeigt werden sollte: Mit dieser Technik kann man Hunger und Armut besiegen und damit der Menschheit helfen.

Hände weg vom Acker, Mann!

Industrie will schnelle Marktzulassung

Geht es nach den Vorstellungen der Projekt-Betreiber, soll der Reis ab 2013 kommerziell angebaut werden, zunächst auf den Philippinen.

Die Befürworter des Anbaus stellen den Einsatz von gentechnisch verändertem Reis zur Bekämpfung der Vitamin-A-Mangelkrankheit als alternativlos dar und werfen Behörden und Kritikern vor, das Leben von Millionen Kindern zu gefährden.
Sie fordern eine generelle Absenkung der Standards für die Risikoprüfung gentechnisch veränderter Pflanzen, um die Marktzulassung zu beschleunigen und Kosten zu senken.

foodwatch kritisiert: Kaum Beweise, Risiken werden ignoriert

Der vorliegende Report von Testbiotech, der im Auftrag von foodwatch erstellt worden ist, zeigt jedoch, dass die Betreiber des „Golden-Rice“-Projektes die notwendige wissenschaftliche Sorgfalt vermissen lassen. Viele wichtige Fragen bleiben ungeklärt:

  • Bis heute wurde keine einzige Fütterungsstudie an Tieren zur Untersuchung gesundheitlicher Risiken veröffentlicht. Trotzdem wurden bereits Versuche an chinesischen Schulkindern durchgeführt.
  • Es fehlen Daten zur Stabilität der Carotinoide: Insbesondere bei einer Lagerung der Reiskörner könnte es abgebaut werden.
  • Die biologische Verfügbarkeit ist nicht ausreichend untersucht. Damit ist unklar, in wieweit die im Reis produzierten Carotinoide vom menschlichen Körper zur Deckung des Vitamin A-Bedarfs verwendet werden können.
  • Es liegen kaum Daten über mögliche ungewollte Veränderungen der Inhaltsstoffe im Reis und des Stoffwechsels der Pflanzen vor, ebenso wenig wie systematische Untersuchungen über die Reaktion der Pflanzen auf wechselnde Umweltbedingungen.
  • Ein kommerzieller Anbau des „Golden Rice“ wird mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einer nicht rückholbaren Ausbreitung des gentechnisch manipulierten Erbguts in der Umwelt und zu einer Kontamination des Erbguts der regionalen Reissorten führen – mit nicht absehbaren langfristigen ökologischen und ökonomischen Folgen.

Dennoch fördern die Rockefeller Foundation und die Bill und Melinda Gates Stiftung mit Millionenbeträgen weiterhin die Entwicklung dieses fragwürdigen Projektes.

foodwatch fordert neue Diskussion über „Goldenen Rice“

foodwatch fordert die Betreiber und finanziellen Unterstützer des Projektes auf, für umfassende und unabhängige Studien zur Risikoabschätzung zu sorgen und die fehlenden technischen Daten zu publizieren. Sie dürfen sich einer offenen Diskussion über die Risiken des „Golden-Rice“-Projektes nicht länger verweigern.

Bevor das Projekt weiter vorangetrieben wird, sollten bestehende, erfolgversprechendere Alternativen geprüft werden. Es erscheint deutlich effektiver, die zweistelligen Millionenbeträge, mit denen das Projekt gefördert wird, für die erfolgreich erprobten Alternativen einzusetzen, als für ein mit hohen Risiken behaftetes Projekt mit unsicherer Wirkung.

Alternativen zum „Goldenen Reis“

Mittlerweile gibt es zielgenauere und kostengünstige Alternativen zur Bekämpfung des Vitamin-A-Mangels, die zum Beispiel durch die WHO und das internationale Kinderhilfswerk UNICEF eingesetzt werden.

Die Methoden: flächendeckende Verteilung von Vitamin-A-Präparaten und Vitamin-A-angereicherten Nahrungsmitteln wie Zucker.
Zudem gibt es konventionell gezüchtete Pflanzen mit einem hohen Gehalt an Carotinoiden zur Vitamin-A-Versorgung wie Casava und Mais.

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