Die deutschen Bischöfe gegen den Nationalismus

Die gesunde Vaterlandsliebe ist weit entfernt von jener hässlichen Karrikatur, die man Chauvinismus nennt, der bei allen Völkern aufgepeitscht wird, bis der leidenschaftliche Haß sich furchtbar entlädt

- von Reuven Jisroel Cabelman  -

Fünf Jahre nach Ende des 1. Weltkrieges und inmitten der Weltwirtschaftskrise mit sogenannter “Hyperinflation” des Jahres 1923 zitierte und kommentierte “Der Israelit” einen Hirtenbrief der deutschen Bischöfe. Es sollte trotz der mutigen und weisen Worte dieser Bischöfe leider nicht “der schmerzlichste aller Weltkriege” gewesen sein.
Für die heutige Zeit wünschte man sich ähnliche Hirtenbriefe nicht nur von deutschen sondern vor allem von den amerikanischen Bischöfen, um gegen dauernd sich fortsetzende US-Kriegsaggressionen zu Diensten des Nationalzionismus und auch eigener imperialistischer Interessen gegen andere Völker und Nationen ein klares Zeichen der Völkerverständigung zu setzen. Wir vermissen diesbezüglich allerdings auch – und dies sei durchaus selbstkritisch angemerkt – gleichlautend klare Stellungnahmen des orthodoxen Judentums der USA.

Von allen Kanzeln der katholischen Kirchen des Reiches wurde ein Hirtenbrief des deutschen Episkopats verlesen, in dem es u. a. heißt: „Der schmerzlichste aller Weltkriege liegt hinter uns. Er ließ in der Seele aller Völker einen wahren Abscheu gegen den Krieg und einen Heißhunger nach einem Frieden zurück, der den Namen Frieden verdient.

Aber den wahren Frieden kann und will die Welt nicht geben. Statt einmütig auf eine Verständigung und Versöhnung der Völker hinzuarbeiten, Sinn und Herz dem wahren Wohl der Menschheit zu erschließen, verkrampft man sich in engherzigster Selbstsucht und in starrstem Nationalismus, läßt man sich von dem ebenso herzlosen, als grundfalschen Motiv leiten: Was andern Schaden bringt, ist mir zum Nutzen!
Die Folgen sind immer neue Sturmfluten von Gewalttaten und Grausamkeiten, von Drangsalen, Leiden, Vergiftung und Verwilderung des geistigen und sittlichen Lebens, Verwirrung aller äußeren Lebensverhältnisse, Schädigung des Handels und des Verkehrs der ganzen Weltwirtschaft, Entwertung des Geldes, Teuerung, Hunger und Elend.“

Der Hirtenbrief schließt: „Wir entsagen allen Gedanken und Plänen des Hasses und der Rache. Wir sinnen nicht auf Wiedervergeltung. Wir wollen nicht die Feinde vernichten, sondern die Feinde versöhnen, nicht die Völker entzweien, sondern die Völker verbrüdern, nicht den Frieden stören, sondern Frieden stiften.“

Delacroix - La liberté

Eugène Delacroix - La liberté guidant le peuple - Die Freiheit führt das Volk, 1830

Wir können als Juden obige Ausführungen des deutschen Episkopats Wort für Wort unterschreiben. Sie entsprechen ebenso den Heilswahrheiten unserer menschheitsbeglückenden Religion, wie den elementarsten Folgerungen und Forderungen politischer Einsicht und Vernunft.
Der Nationalismus ist der Zwillingsbruder des Rassenhasses, vielleicht auch identisch mit diesem, wenigstens spannt er letzteren gerne vor seinen häßlichen Karren.

Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts, als sich die Politik national einstellte, schlug auch die Geburtsstunde des Rassenhasses, unter dem die Juden am meisten litten und leiden. Das „internationale Judentum“ bildet den stehenden Ausdruck, die zugkräftigste Floskel in allen antisemitischen Hetzversammlungen. Man treibt mit dem Worte international denselben schändlichen Mißbrauch wie mit dem Ausdruck national.
Die Nationalen betrachten sich als die Alleinpächter der Vaterlandsliebe, was natürlich auf der anderen Seite höchste Erbitterung auslösen muß, haben doch gerade im Weltkriege alle ohne Ausnahme Gut und Blut dem Heimatlande geopfert.

Mit Recht warnte Pfarrer Dr. Korell am Sarge Rathenaus vor dem unheilvollen Mißbrauch des Wortes „national“. Die gesunde Vaterlandsliebe ist weit entfernt von jener häßlichen Karrikatur, die man Chauvinismus nennt, der bei allen Völkern aufgepeitscht wird, bis der leidenschaftliche Haß sich furchtbar entlädt.
Gerade ihn will der bischöfliche Hirtenbrief treffen. Möchte man ihn namentlich im katholischen Bayern verstehen, wo man von hoher Stelle erst jüngst die „national gesinnten Kreise“ zum Zusammenschluß aufrief.

Es ist, als ob die Welt mit Blindheit geschlagen wäre, wenn man die Inkonsequenzen bei der praktischen Auswirkung des Nationalitätsprinzips ins Auge faßt. Die Nationalen hatten nichts dagegen, als wir vor dem Kriege mit den romanischen Italienern verbündet gewesen, als wir im Kriege mit den slavischen Bulgaren zusammengingen, als die muselmanischen Türken uns zu Hilfe kamen.

Nach dem Buche von Max Joseph Metzger „Der Völkerbund und die katholische Internationale“ ist die Kirche eine ungeheure internationale Macht ihrem ganzen Wesen nach. Im August 1923 fand in Konstanz der große „Internationale katholische Kongreß“ statt und nicht lange zuvor schlossen sich die Protestanten international zusammen.
Wozu also das Geschrei vom internationalen Judentum?

Der Nationalismus sagt dem Volke nicht, daß Post, Telegraph, Schiffahrt und Handel nur auf internationaler Basis gedeihen können, daß man eigentlich mit jedem Schluck Kaffee oder Tee schon international ist, oder wenn man sich in Baumwolle kleidet und Zimmt und Pfeffer verwendet, daß im Reiche der Wissenschaft, der Künste und Erfindungen die besten Geister aller Nationen sich ein Stelldichein geben.

Dabei sind auch die Juden ganz hervorragend vertreten und kein sich noch so toll gebärdender Nationalismus kann an dieser Tatsache etwas ändern. Das kleinste Dörfchen, in dem die verschiedenen Familien und Stände friedlich miteinander verkehren, ist ein Bild, wie es unter den Völkerfamilien zugehen sollte, wenn die menschliche Wohlfahrt nicht in die Brüche gehen soll.

Darum weg mit dem chauvinistischen Nationalismus, dem Zerrbild der natürlichen, edlen und berechtigten Vaterlandsliebe. Er impft nur Haß, Bosheit, Neid und Roheit ein, ist eine Kulturschande und droht als blutige Geißel über der Gesamtmenschheit.

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