Monopolansprüche auf die gesamte Kette der Lebensmittelproduktion

Die Patentierbarkeit von Leben steht in Europa auf dem Prüfstand. Erst im Juli wurde am Europäischen Patentamt über ein bereits vergebenes „Brokkoli-Patent“ neu verhandelt, nachdem verschiedene Verbände dagegen geklagt hatten. - foodwatch sprach mit dem Gentechnik-Spezialisten Christoph Then über Folgen und Risiken von Patenten auf Pflanzen und Tiere

- von Presseticker  -

D er promovierte Tierarzt Christoph Then leitete den Bereich Gentechnik und Landwirtschaft bei Greenpeace und wirkte im Aufsichtsrat von foodwatch mit, bevor er 2009 Testbiotech gründete. Der Verein fördert vor allem unabhängige Studien im Bereich Bio-Technologie.

foodwatch: Herr Then, bei Patenten auf Leben stellt sich die Frage, wie kann etwas patentiert werden, das keine Erfindung ist und Teil der Natur?

Christoph Then: Patente auf Leben werden seit etwa zwanzig Jahren vergeben. Die Grenzen der Patentierbarkeit haben sich dabei immer weiter in einen Bereich verschoben, in dem es um Entdeckungen geht und nicht um Erfindungen. Diese Patente enden nicht bei den technischen Verfahren – die Tiere und Pflanzen selbst werden patentiert und in letzter Zeit auch solche, die auf herkömmliche Weise gezüchtet wurden.

foodwatch: Wie im Fall des bereits vergebenen Brokkoli-Patents, das derzeit am Europäischen Patentamt neu verhandelt wird.

Christoph Then: In dem Brokkoli sind bestimmte Inhaltsstoffe erhöht, die Krebs hemmen sollen, die aber in jedem Brokkoli vorkommen. Ein britisches Unternehmen hat ein technisches Verfahren entwickelt, um eine bestimmte natürliche Gensequenz zu erkennen und diese für die Auswahl und die Züchtung dieses Brokkoli zu verwenden. Patentiert wurde aber nicht nur das Verfahren, sondern auch das Saatgut und der Brokkoli selbst. Das Patent geht also durch die gesamte Kette der Produktion. Gängige Züchtungsverfahren werden mit technischen Elementen wie einer trivialen Genom-Analyse garniert, um dann von Erfindung sprechen zu können. Hier wird das Patentrecht missbraucht. Es geht um Monopolansprüche auf die gesamte Kette der Lebensmittelproduktion.

foodwatch: Wie denken Sie, werden die Verhandlungen um das Brokkoli-Patent ausgehen?

Christoph Then: Das Europäische Patentamt wird wahrscheinlich keinen Kurswechsel vornehmen und weiterhin solche Patente erteilen. Es ist Aufgabe der Politik, dieses Problem zu lösen.

foodwatch: Was passiert wenn ein Patent auf ein Gen vergeben wird, das auch in anderen Pflanzen oder Tieren vorkommt?

Christoph Then: Das hängt davon ab, wie das Patent angemeldet ist. Oft erstreckt sich das Patent dann auf alle Pflanzen oder Tiere, in denen das Gen gefunden wird.

foodwatch: Was bedeutet das für Züchter und Landwirte?

Christoph Then: Im Züchtungsbereich gibt es seit Jahren einen harten Verdrängungswettbewerb. Konzerne, die aus der Agrochemie kommen, melden Patente an und kaufen gleichzeitig Züchtungsfirmen auf. Monsanto ist mittlerweile die grösste Saatgutfirma und kontrolliert 20 Prozent des weltweiten Marktes. Monsanto hat viele Firmen aufgekauft, die Gemüse züchten.
Kleine Züchter verirren sich in dem Patente-Dickicht und können sich auch wirtschaftlich diese Patente nicht leisten. Die grossen Konzerne werden immer grösser, die kleinen verschwinden und damit auch die Vielfalt des Saatgutes. Für die Landwirte bedeutet das neue Abhängigkeiten.

foodwatch: Ist das auch ein Problem in Europa?

Christoph Then: Diese Effekte sieht man vor allem in den USA, wo seit Jahren massiv Gentechnik angebaut wird. Aber auch in Europa ist diese Entwicklung zu beobachten. In den Niederlanden ist ein Grossteil der Züchter bereits aufgekauft: Es findet dort ein regelrechter Ausverkauf im Bereich der Pflanzenzucht statt.

foodwatch: Obwohl europäische Verbraucher Gentechnik im Essen ablehnen, werden vom Europäischen Patentamt weiter Patente vergeben.

Christoph Then: In Europa wurden bereits über 1000 Patente auf gentechnisch veränderte Pflanzen und Tiere, aber auch auf die konventionelle Zucht vergeben. Bisher spielen sie auf dem Markt keine grosse Rolle. Wenn die Zahl der Patenanträge aber weiterhin stark ansteigt, dann gibt es in ein paar Jahren fast nur noch patentiertes Gemüse.
Und wenn die Konzerne bis dahin mehr Einfluss gewinnen, werden auf Markt nur noch die Produkte angeboten werden, mit denen die Grosskonzerne am meisten verdienen. Eine Auswahl wie heute wird der Verbraucher dann nicht mehr haben.

foodwatch: Nach Europäischem Recht sind Patente auf Leben doch eigentlich verboten.

Christoph Then: Das Gesetz in Europa sieht zwar Verbote von Patenten auf Pflanzen und Tiere vor, die im Wesentlichen auf einem biologischen Verfahren zur Züchtung aufbauen, aber die Verbote sind so formuliert, dass sie sehr eingeschränkt sind und teilweise gar nicht mehr funktionieren. Wir brauchen klare Gesetze.

foodwatch: Wie bewerten Sie die Arbeit des Europäischen Patentamtes?

Christoph Then: Das Patentamt finanziert sich ausschliesslich über Patentanträge, die es bewilligt. Es hat demnach ein wirtschaftliches Interesse daran, Patente zu vergeben. Daher sollte es unabhängigen, strengen Kontrollen unterliegen.

foodwatch: Sie sagen, es „sollte“…?

Christoph Then: Es gibt keine unabhängige Gerichtsbarkeit, die das Patentamt kontrolliert. Das Amt selbst nennt Greenpeace als eine wichtige Kontrollinstanz.

Gen-Labor

Gen-Labor

Die Flut von gewährten Patenten kann aber nicht aus der Welt geschaffen werden, indem Nichtregierungsorganisationen ständig Einspruch einlegen – denn es werden ständig neue Patente vergeben. Die gesetzlichen Grundlagen müssen entsprechend geändert werden.

foodwatch: Welche Risiken sehen Sie in den Patenten auf Leben?

Christoph Then: In erster Linie ist es eine ethische Herausforderung für die Gesellschaft. Bisher war der Mensch nicht Schöpfer des Lebens. Mit dem Erheben von Patenten erklärt er sich dazu und begründet einen erfinderischen Anspruch gegenüber Lebewesen. Damit vollzieht sich auch ein Wertewandel. Es geht nur noch um die Verwertung des Lebendigen, nicht mehr um den Wert des Lebens an sich. Der Gesellschaft ist die Kontrolle entglitten. Aber sie darf sich nicht einfach den Interessen von Unternehmen unterwerfen. Sie muss versuchen, die Verwertungsinteressen auf ein gesundes Maß zu reduzieren.

foodwatch: Ihr Verein Testbiotech fördert unabhängige, wissenschaftliche Arbeiten zur Gentechnik. Ist die Wissenschaft nicht unabhängig genug?

Christoph Then: Das Problem in Europa ist, dass die Wissenschaft im Bereich der Argrogentechnik weitgehend von der Industrie finanziert wird – eine unabhängige Forschung ist Vergangenheit. Die Industrie ist mehr an Fragen der Gentechnik-Anwendung als an deren Kontrolle interessiert.
Es gibt demzufolge kaum eine aktive Risiko-Forschung. Die meiste Forschung ist dazu gedacht, Produkte durch die Zulassung zu bekommen. Die demokratische Gesellschaft muss sich das Forschungsfeld zurückerobern.

foodwatch: In Amerika haben Wissenschaftler jüngst nachgewiesen, dass sich Gen-Raps über tausende von Kilometern unkontrolliert verbreitet hat. Welche Folgen hat das für Natur und Mensch?

Christoph Then: Es ist fragwürdig, ob dieser gentechnisch veränderte Raps jemals wieder aus der Natur zurückgeholt werden kann. Damit hat der Mensch eine Verantwortung für die nächsten tausend Jahre der Evolution übernommen. Keiner weiss, wie sich der Raps in ein paar Generationen verhält, ob er unerwartete Eigenschaften entwickelt.

Raps zu entfernen ist sehr schwierig, weil die Pollen über mehrere Kilometer fliegen, das Saatgut über Jahre im Boden fruchtbar bleibt. In Kanada ist das Problem längst bekannt.
Jetzt ist es auch in den USA dokumentiert und es gibt auch Hinweise, dass es auch in Asien so ist. Ein Landwirt, der in der Umgebung gentechnikfrei anbauen möchte, hat keine Chance: Er könnte nur auf die Raps-Anbau verzichten und zum Beispiel Sonnenblumen anbauen.

foodwatch: Wie ist das bei anderen Pflanzen?

Christoph Then: Auch bei Kartoffeln, die in Deutschland angebaut werden, und Mais ist es schwierig, aber zumindest theoretisch nicht unmöglich, die Ausbreitung einzugrenzen. Bei Pflanzen wie Raps hilft dagegen nur ein Anbauverbot.

foodwatch: Was passiert, wenn sich grosse Konzerne genetische Ressourcen aneignen?

Christoph Then: Die Weltbevölkerung wächst, aber die Ernten werden nicht grösser. Die Vereinten Nationen warnen davor, dass die Patentierung und die Durchsetzung der Konzerninteressen dazu führen, dass die Preise steigen, Rohstoffe verknappt werden und der Hunger zunimmt.

Züchter, Landwirte und Hersteller können daran gehindert werden, mit Pflanzen und Tieren zu arbeiten. Die Aneignung ist der Versuch, ein grosses Geschäft mit den Grundlagen der Ernährung zu machen. Das ist gefährlich und zum grössten Teil eine Spekulation mit dem Hunger.

foodwatch: Wie sähe die Zukunft aus, wenn Monsanto und Co. sie bestimmen könnten?

Christoph Then: Die Zukunft ist jetzt! Monsanto kontrolliert weite Teile der Lebensmittelproduktion und bestimmt weitestgehend, was auf den Markt kommt.
Es ist zu befürchten, dass diese Marktmacht der Konzerne in Zukunft noch viel stärker wird und dass auch der Verbraucher sie verstärkt zu spüren bekommt.

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