Appeasement – die britische Mitschuld am 2. Weltkrieg

Autor Carroll Quigley ist, das macht das Buch so bemerkenswert, ein Mainstream-Historiker der USA und u.a. der Hochschuldozent des späteren Präsidenten Clinton.

- von Jürgen Elsässer  -

S eit der heftigen Debatte um Erika Steinbach, die sich aus dem CDU-Bundesvorstand zurückziehen wird, weil ihre Äußerungen zur Kriegsschuldfrage vom Merkel-Block als „revisionistisch“ verteufelt wurden, gibt es eine neuerliche Debatte um die Ursprünge des 2. Weltkrieges oder genauer: des deutschen Überfalls auf Polen.

Deshalb wollen wir am kommenden Montag ein aktuelles Buch aus der Reihe COMPACT vorstellen, das profund zu diesen Fragen Stellung nimmt. Autor Carroll Quigley ist, das macht das Buch so bemerkenswert, ein Mainstream-Historiker der USA und u.a. der Hochschuldozent des späteren Präsidenten Clinton.
Was er über die gefährliche Rolle des britischen Establishment seit Ende des 19. Jahrhunderts geschrieben hat, ist aber alles andere als Mainstream.

Carroll Quigley: APPEASEMENT. Die britiche Mitschuld am Zweiten Weltkrieg
104 Seiten, 7.50 Euro

Da Quigley schon längst nicht mehr unter den Lebenden weilt, wird der Militärhistoriker Peter Feist zu seinem Buch und zum Thema sprechen.

Carroll Quigley - Appeasement

Nun ein Auszug aus Quigleys COMPACT-Buch über das britische Machtspiel im Frühjahr 1939:

„Wir haben schon erwähnt, dass die Wirtschaftsverhandlungen zwischen Britannien und Deutschland zwar am 28. März öffentlich abgebrochen, im Geheimen aber fünf Tage später wieder aufgenommen wurden. Wir wissen nicht, was daraus wurde, aber etwa um den 20. Juli herum wurde Harald Wohlthat, dem Reichskommissar für den Vierjahresplan, der sich aus Anlass einer internationalen Walfangkonferenz in London aufhielt, von R.S. Hudson, dem Sekretär der Abteilung für den Außenhandel, ein erstaunlicher Vorschlag gemacht. Obwohl Wohlthat keine Vollmachten hatte, hörte er sich die Vorschläge Hudsons und später von Chamberlains persönlichem Repräsentanten Sir Horace Wilson an, verweigerte aber ein vorgeschlagenes Treffen mit Chamberlain. Wilson offerierte 1. einen Nichtangriffspakt mit Deutschland, 2. eine Abgrenzung der gegenseitigen Einflusssphären, 3. koloniale Zugeständnisse in Afrika in den bereits besprochenen Grenzen, 4. einen Wirtschaftsvertrag und 5. eine Abrüstungsvereinbarung. Ein Satz aus Dirksens Bericht über diese Angelegenheit ist bedeutsam. Er lautet: „Sir Horace Wilson hat Herrn Wohlthat ausdrücklich gesagt, dass der Abschluss eines Non-Aggression-Vertrages es England ermöglichen würde, von seinen Verpflichtungen gegenüber Polen loszukommen.” Chamberlain hatte schon am 3.Mai öffentlich erklärt, dass er einen Nichtangriffspakt mit Deutschland wollte – nur fünf Tage nachdem Hitler den Nichtangriffspakt mit Polen aufgekündigt hatte.

Dirksens Bericht vom 21. Juli fuhr dann fort: „Sir Horace Wilson hat dann noch gesagt, dass es englischerseits wohl beabsichtigt sei, in diesem Herbst zu Neuwahlen zu schreiten; rein innenpolitisch taktisch gesehen sei es der Regierung gleichgültig, ob sie diese Wahlen unter der Devise ‹Bereitschaft für einen kommenden Krieg› oder unter der Devise ‹Eine dauerhafte Verständigung mit Deutschland in Sicht und erreichbar! › abhalten würde. Für beide Parolen würde sie ihre Wählerschaft mobilmachen und sich die Herrschaft für fünf weitere Jahre sichern können. An sich sei ihr selbstverständlich die friedliche Devise lieber.”

Nachrichten über diese Verhandlungen wurden offenbar von den Franzosen, die sie stören wollten, an die Öffentlichkeit lanciert. Die Gerüchte besagten allerdings, dass die Gespräche mit Chamberlains Bemühen zusammenhingen, Deutschland eine Anleihe von 1 Milliarde Pfund zu gewähren. Die veröffentlichten Dokumente bestätigen das nicht. Der resultierende Aufschrei jedoch ließ es schwierig werden, die Verhandlungen fortzusetzen, zumal Hitler und Ribbentrop gar kein Interesse daran hatten. Aber Chamberlain ließ Lord Runciman sich weiterhin darauf vorbereiten, Chefunterhändler der umfassenden Vereinbarung zu werden, welche er im Auge hatte. Am 29. Juli hatte der deutsche Geschäftsträger in London, Kordt, ein langes Gespräch mit Charles Roden Buxton, von dem er dachte, dass er im Auftrag Chamberlains spreche. Es bewegte sich entlang derselben Inhalte. Die Angebote wurden auch bei einem hochgeheimen Gespräch zwischen Dirksen und Wilson im Hause des Letzteren am 3.August wiederholt. Wilson wollte einen Viermächtepakt, freie Hand für Deutschland in Osteuropa, eine Vereinbarung über Kolonien, einen Wirtschaftsvertrag usw.

Dirksens Bericht über dieses Gespräch liest sich dann folgendermaßen:
„Im Anschluss an die Rekapitulation der Unterhaltung Wohlthat–Sir Horace Wilson führte dieser eingehend aus, dass die Anknüpfung vertraulicher Besprechungen mit der deutschen Regierung für Chamberlain mit großem Risiko verbunden sei. Wenn etwas davon bekannt würde, so würde es einen Riesenskandal geben und Chamberlain wahrscheinlich zum Rücktritt gezwungen werden.” Dirksen sah nicht, wie unter derartigen Bedingungen irgendein bindendes Abkommen zustande kommen könnte, „zum Beispiel käme eine erneute Reise von Herrn Wohlthat nach London wegen der Indiskretion von Hudson nicht mehr in Frage”. Zu diesem Punkt schlug Wilson vor, dass „die Abgesandten sich in der Schweiz oder anderswo träfen”. Wilson führte aus, dass Großbritannien eine Nichtinterventionspolitik in Bezug auf Großdeutschland einschlagen würde, wenn es einen Nichtangriffspakt mit Deutschland bekäme. Der würde zum Beispiel die Danziger Frage mit umfassen.

Es ist klar, dass diese Verhandlungen nicht einfach nur die persönliche Politik Chamberlains waren, sondern dass auch das Außenministerium damit vertraut war. Am 9. August beispielsweise wiederholte Halifax das meiste aus dem politischen Teil dieser Verhandlungen. Nach München, sagte er, habe er fünfzig Jahre des Friedens mit Deutschland vor sich gesehen. Der avisierte Zustand war: „Deutschland die führende Macht auf dem Kontinent und Vorrechte in Südosteuropa genießend, besonders in der Handelspolitik; Großbritannien nur am Rande am Handel mit dieser Region beteiligt; in Westeuropa Großbritannien und Frankreich durch die wechselseitigen Befestigungssysteme sicher vor bewaffneten Auseinandersetzungen mit Deutschland und fähig, ihren Besitz mit rein defensiven Mitteln zu wahren und zu vermehren; Freundschaft mit Amerika; Freundschaft mit Portugal; Spanien zur Zeit ein unbestimmbarer Faktor, der wenigstens in den nächsten Jahren sich an keiner Kombination von Mächten beteiligen könnte; Russland ein fernes, weites, kaum überschaubares Territorium; und Großbritannien darauf hin orientiert, seine mittelmeerischen Verkehrswege zu den Dominions und in den Fernen Osten sicherzustellen.” Das war reinster „Drei-Blöcke-Welt”-Diskurs, wie direkt aus All Souls College oder Cliveden Set entsprungen.

Es war fast unmöglich, solche Verhandlungen oder Vorschläge zu Verhandlungen geheim zu halten. Es gibt keinen Zweifel, dass die Gerüchte darüber im Juli 1939 zu den Russen drangen, ihr altes Misstrauen gegen Großbritannien wieder wachriefen und sie zu der Entscheidung brachten, jeder Vereinbarung mit Großbritannien auszuweichen und stattdessen den Nichtangriffspakt zu unterzeichnen, den Hitler anbot.
(Buchauszug Quigley Ende)

Stoff genug für die Diskussion am Montag, oder?

Montag, 04. Oktober 2010
COMPACT-Buchpremiere in Berlin mit dem Militärhistoriker Peter Feist 
19.30 Uhr, Russisches Haus, Friedrichstr. 176 – 179

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